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Folgen von Lutschhabits und deren Behandlung

12. Juli 2019

Fallbeispiele von Dr. Nicola Meißner und Dr. Dinah Fräßle-Fuchs

Ein starkes Saugbedürfnis ist uns allen in die Wiege gelegt, sichert es doch das Überleben eines Neugeborenen. Das Belohnungssystem im menschlichen Gehirn verknüpft das Saugen mit der Nahrungsaufnahme und löst ein wohliges Gefühl der Sättigung aus, es werden Glückshormone ausgeschüttet. Nuckeln und saugen wird deshalb zu einem der wichtigsten Beruhigungsmechanismen, nicht nur bei Hunger, sondern auch bei Unruhe, Müdigkeit oder in belastenden Situationen. Es ist also vollkommen normal, dass Babies am Daumen oder dem dafür entwickelten Schnuller lutschen, wobei dieses Bedürfnis sehr unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Oft wird der Schnuller auch von den Eltern zum Trösten gegeben, vor allem dann, wenn die kleinen Rabauken unruhige Schläfer oder Schreikinder sind.

Die Frage was besser ist, Schnuller oder Daumen, wird kontrovers geführt. Das Daumen- oder Fingerlutschen kann zu einer Vorlagerung der oberen Schneidezähne und Rückverlagerung der unteren Front führen (Bilder 1 und 2) und zudem auch den Finger selbst schädigen (Bild 3 Nagelpilz, Bild 4 „Lutschdaumen“). Der Schnuller wird zwar gesellschaftlich häufig besser akzeptiert als das Fingerlutschen, man sollte aber bedenken, dass das Kind dabei beide Hände frei hat um ungehindert einer Tätigkeit nachzugehen, was wiederum die Lutschdauer erhöht. Übereinstimmung herrscht dahingehend, dass ein zu häufiger und langer Einsatz in beiden Fällen zu Kieferdeformation und Lutschhabits, beispielsweise dem Einlagern der Lippe (Bild 5)  und myofunktionellen Störungen wie der Zungenvorlage (Bild 6) führen kann. Bis zum dritten Geburtstag (Góis el al., 2008) kann sich eine Kieferfehlbildung wie der offene Biss (Bild 7)  spontan zurückbilden. In der Praxis beraten wir deshalb die Eltern über die verschiedenen Möglichkeiten der altersgerechten Entwöhnung. Vom  Aufmalen eines Gesichtchens auf den Finger („das sich in der dunklen Höhle fürchtet“), über das Auftragen von Bitterstoffen, einem Belohnungs-Lutschkalender bis hin zur Schnullerfee oder dem Entwöhnungssauger (Stoppi®) bzw. einer Mundvorhofplatte (Bild 8) sowie hypnotischen Suggestionen bei älteren Kindern gibt es viele verschiedene Ansätze. Kommt es hingegen auch bei sehr jungen Kindern zu einem seitlichen Kreuzbiss aufgrund des behinderten transversalen Wachstums, kann dieser die weitere Kieferentwicklung behindern und sollte durch eine frühkieferorthopädische Behandlung korrigiert werden.

Die Autorinnen: Dr. Nicola Meißner und Dr. Dinah Fräßle-Fuchs, Kinderzahnordination Salzburg, Innsbrucker Bundesstraße 35, A 5020 Salzburg, www.kinderzahn.at Foto (c) privat

Unser Praxisbeispiel zeigt die dreieinhalbjährige Mara, die ein halbes Jahr nach Beenden des Daumenlutschens einen rechtsseitigen Kreuzbiss aufweist (Bild 9). Wir haben uns aufgrund der hohen Compliance von Eltern und Kind zu einer abnehmbaren Behandlung entschieden. Die Abdrucknahme wird durch Verhaltensführung und bestimmte Grifftechniken zur Unterdrückung des Würgereizes sehr erleichtert (Bild 10), motivierend wirkt sich zudem die Auswahl der Lieblingsfarbe und eines schönen Motiv-Bildchens für die Zahnspange (Bild 11) aus. Im zahntechnischen Labor wird anhand der Bissnahme und der Modelle (12) die Dehnplatte (Bild 13) angefertigt und in den Mund eingesetzt (13b). Diese muss rund um die Uhr getragen werden, die Eltern werden instruiert, jeden Tag eine Vierteldrehung (entspricht 0,25mm) zu dehnen, wöchentliche Kontrollen sind zu empfehlen. Schon vier Wochen später und nach einer Dehnung von insgesamt 7mm ist der Biss überstellt und leicht überkorrigiert (Bild 14). Die Aufbisse können abgeschliffen und die Spange zur Sicherheit für weitere vier Wochen nur noch nachts getragen werden. Das Abschlussbild zeigt die Situation ein halbes Jahr nach Beendigung der insgesamt zweimonatigen interzeptiven Frühbehandlung (Bild 15).

Bei Kindern im Wechselgebiss, bei denen sich der offene Biss manifestiert hat, ist ebenfalls eine frühe kieferorthopädische Behandlung sinnvoll.

Simone zeigte bereits im Milchgebiss einen lutschoffenen Biss.  Die Entwöhnung erwies sich als schwierig und so manifestierte dieser sich auch im bleibenden Gebiss (Bilder 16 – 18). Durch die vergrößerte  Frontzahnstufe, die Zungenvorlage und das sog. viszerosomatische Schluckmuster hatte Simone auch logopädische Probleme bei Zischlauten und befand sich deshalb in Behandlung. Darum wurde in Absprache mit der Logopädin und nach dem Wechsel der Frontzähne mit acht Jahren ein sog. Aktivator hergestellt (Bild 19), für den ebenfalls Abdrücke und ein Funktionsbiss notwendig waren. Durch dieses myofunktionelle Gerät wird die Zunge zurückgehalten, die Unterkieferfront mit einem Einbiss gehalten, während die Oberkieferfront durch einen aktiven Labialbogen sowie palatinalem und inzisalem Freischleifen zurückgeholt wird. Simone trägt den Aktivator laut Aussage der Mutter fast 24 Stunden täglich und so sind bereits nach wenigen Wochen erste Erfolge sichtbar (Bilder 20, 21). Ebenfalls werden bei den parallel fortgesetzten logopädischen Übungen deutliche Fortschritte verzeichnet.

 

Lutschen und Saugen ist also ein Grundbedürfnis kleiner Kinder. Wichtig sind dabei die gute Aufklärung der Eltern über schädliche Folgen eines überlangen Nuckelns oder Gebrauch des Schnullers,  eine sensible Beratung hinsichtlich der verschiedenen Methoden der Entwöhnung und gegebenenfalls die Wahl des richtigen Zeitpunkts für eine zahnärztliche Frühbehandlung und logopädische Unterstützung.

Bild 1 & 2: Folgen von Daumenlutschen oder Schnuller: Vorlagerung der oberen Schneidezähne und Rückverlagerung der unteren Front

Alle Fotos © Meißner, Fräßle

Bild 3 & 4: Nagelpilz, Lutschdaumen

Bild 5, 6: Einlagern der Lippe (5), Zungenvorlage (6)

Bild 7: Offener Biss

Bild 8: Mundvorhofplatte

Bild 9: Mara, 3 Jahre – rechtsseitiger Kreuzbiss aufgrund des Daumenlutschens

Bild 10: leichteres Abdrucknehmen durch Verhaltensführung und bestimmte Grifftechniken zur Unterdrückung des Würgereizes

Bild 11: Motivierend: Auswahl der Lieblingsfarbe und eines schönen Motiv-Bildchens.

Bild 12, 13, 13b: Im zahntechnischen Labor wird anhand der Bissnahme und der Modelle die Dehnplatte angefertigt und in den Mund eingesetzt .

Bild 14: 4 Wochen nach der Behandlung; Bild 15: 6 Monate nach der Behandlung

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