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Schwangerschaft: Achtung, Parodontitis!

21. Juni 2016

Die hormonellen Veränderungen während der Schwangerschaft können eine Parodontitis auslösen oder verstärken. Andererseits weisen zahlreiche Studien einen Zusammenhang zwischen Schwangerschaftskomplikationen und Parodontitis nach. Zahnärztliche Kontrollen und eine professionelle Mundhygiene sind daher während der Schwangerschaft besonders wichtig. 

Während einer Schwangerschaft verändert sich der Hormonhaushalt. Insbesondere steigen der Östrogen- und der Progesteronspiegel, was eine Erhöhung des Blutflusses und eine Verdickung der Gebärmutterschleimhaut zur Folge hat. Außerdem werden dadurch vorzeitige Kontraktionen der Gebärmutter vermieden, das Becken besser durchblutet und die Brüste auf die Milchproduktion vorbereitet. Auch die Gingiva besitzt Östrogen- und Progesteron-sensitive Rezeptoren, sodass der veränderte Hormonhaushalt sich auf die gingivale Gewebemorphologie der Schwangeren auswirken kann. Dadurch können plaque-induzierte Entzündungen des Zahnfleischs ausgelöst und bestehende verstärkt werden[1]. Zahlreiche Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Komplikationen bei der Schwangerschaft, insbesondere Frühgeburten und ein geringes Geburtsgewicht des Neugeborenen[2], 3.

PD Dr. Gernot Wimmer, Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde mit Spezialisierung auf Parodontologie, erklärt: „Parodontitis ist ein Entzündungsherd. Bakterien und ihre toxischen Produkte geraten zusammen mit lokal produzierten Entzündungsprodukten in die Blutbahn und somit in den ganzen Körper, auch in die Plazenta.“ Nach heutiger Datenlage könne keine klare Aussage darüber gemacht werden, ob die Behandlung parodontaler Erkrankungen positive Auswirkungen auf den Verlauf der Schwangerschaft – insbesondere die Vermeidung von Frühgeburten und eines reduzierten Geburtsgewichts – habe. Erwiesen sei aber, dass eine nicht-chirurgische Parodontitis-Therapie im Sinne einer Initialbehandlung mit Tiefenreinigung der Taschen in der Schwangerschaft durchgeführt werden kann und Mutter respektive Kind nicht schade.  Eine Antibiotikatherapie sollte laut Wimmer nur in besonderen Fällen notwendig werden und zwischen den behandelnden Fachärzten (Zahnmedizin, Gynäkologie) abgestimmt sein. Der beste Zeitpunkt für eine Behandlung ist im zweiten Schwangerschaftsdrittel. Bis zum Ende des dritten Schwangerschaftsmonats und ab der 33. Schwangerschaftswoche sollten wenn möglich keine zahnärztlichen Eingriffe vorgenommen werden.

Dentalhygienikerin Petra Natter, die sich auf die Behandlung von Parodontitis spezialisiert hat, rät: „Frauen mit Kinderwunsch sollte man möglichst schon vor der Schwangerschaft ansprechen. Spätestens zu Beginn der Schwangerschaft sollte auch ein Termin in der Zahnarztpraxis vereinbart werden. Ich kläre die Patientinnen gezielt auf, wie wichtig eine sorgfältige Zahnpflege gerade während der Schwangerschaft ist – im Hinblick auf eine mögliche Gingivitis, aber auch um das Karies-Risiko des Kindes zu reduzieren. Bei bestehender Parodontitis ist das Risiko einer Verschlechterung hoch. Auch eine parodontale Grunduntersuchung (PGU) sollte bei jeder Schwangeren durchgeführt werden. Idealerweise begleiten wir die Schwangere und führen im vierten und zu Beginn des achten Monats eine professionelle Zahnreinigung durch.“ Hier ist noch viel Informationsarbeit – auch seitens der Gynäkologen – zu leisten, denn mehr als ein Drittel der Schwangeren suchen während der gesamten Schwangerschaft keine Zahnarztpraxis auf[3].

Die Patientinnen selbst können maßgeblich dazu beitragen, dass Parodontitis während der Schwangerschaft nicht zum Problem wird, betont Natter. Sie rät: „Gründlich Zähneputzen mit einer entzündungshemmenden Zahnpasta und einer Mundspülung (z.B. meridol®).“

 

[1] Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde: Parodontale Erkrankungen während der Schwangerschaft: Besteht Handlungsbedarf? Wissenschaftliche Stellungnahme. 2007

[2] z.B. Wimmer G und Philstrom B. A critical assessment of adverse pregnancy outcomes and periodontal disease. J Clin Periodontol 2008; (Suppl.8):380-397.

Offenbacher S, Jared HL, O’Reilly PG et al: Potential pathogenic mechanisms of periodontitis-associated pregnancy complications. Ann Periodontol 3, 233 (1998)

beide zitiert in 1;

[3] Eberhard Riedel, Manfred Stumpfe: Auswirkungen einer Parodontitis auf Schwangerschaft und Geburt. ZMK aktuell, 18. 07. 2011

Prophylaxebehandlung einer schwangeren Patientin (Foto © Fotolia kzenon)

Gingivitis und Parodontitis treten aufgrund der Hormonumstellung in der Schwangerschaft häufig auf oder verschlechtern sich. Eine PGU, wenn nötig entsprechende Maßnahmen sind besonders wichtig, um die Risiken einer Schwangerschaftskomplikation gering zu halten. Foto: ©Fotolia Kzenon

Univ.-Doz. Dr. Gernot Wimmer (Foto: privat)
FA für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Vorstandsmitglied ÖGP, design. Präsident der Europäischen Gesellschaft für Parodontologie

Petra Natter (Foto: © http://www.santina.at/)

Petra Natter, BA
Dentalhygienikerin in Lochau, Vorarlberg
(Foto. www.santina.at)
www.paroprophylaxe.at

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