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MIH: Auch für die Prophylaxe eine Herausforderung

15. September 2016

Mit zunehmendem Bewusstsein für die richtige Mundhygiene sinkt die Kariesprävalenz bei Kindern. Dafür ist in den vergangenen Jahren ein neues Krankheitsbild in den Fokus der Kinderzahnheilkunde gerückt: die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, kurz MIH, die auch für die professionelle Prophylaxe eine Herausforderung darstellt.

Die Zahnpflege war immer vorbildlich, das Milchzahngebiss strahlend weiß. Umso größer ist der Schock, wenn die ersten bleibenden Molaren mit weiß-cremigen bis gelb-braunen Verfärbungen der Kauflächen, oft auch der Höcker des oberen Drittels der Zahnkronen durchbrechen. In sehr schweren Fällen sind die Molaren schon beim Durchbrechen bröselig, manchmal weisen auch die Schneidezähne eine fehlerhafte Strukturierung auf. Die Ursachen für diese als Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, bezeichnete Störung sind noch nicht geklärt. Fest steht aber, dass die Strukturstörung des Zahnschmelzes systemisch bedingt ist. „Diskutiert wird ein multifaktorielles Geschehen. Angenommen wird, dass die Störung der Zahnentwicklung zwischen dem 8. Schwangerschaftsmonat und dem 4. Lebensjahr aufgetreten sein muss“, informiert Univ. Prof. Dr. Katrin Bekes , Leiterin des Fachbereichs Kinderheilzahnkunde der Universitäts-Zahnklinik Wien. In Diskussion stehen verschiedene Ursachen, wie Probleme im letzten Schwangerschaftsmonat, Frühgeburten, Dioxinbelastung der Muttermilch, sowie verlängertes Trinken aus Plastiktrinkflaschen. Auch häufige Erkrankungen in den ersten vier Lebensjahren können einen Einfluss auf die Entstehung von Hypomineralisierungen der bleibenden Zähne haben. Bekes: „Erkrankungen, die mit Schwankungen des Kalziumphosphatspiegels einhergehen, scheinen ebenfalls eine  Rolle zu spielen. Dazu zählen Mangelernährungszustände, Durchfallerkrankungen und Fieberzustände.“

Oft wird MIH als neues Phänomen dargestellt, das – gleich einer Epidemie – die kindliche Karies ablöse. Bekes weist im Gespräch mit PROPHY darauf hin, dass dies nicht belegt sei: „Es wird vermutet, dass früher Zähne oft als kariös eingestuft und entsprechend behandelt worden sind, bei denen eigentlich eine MIH vorlag. Heute ist das Wissen über die MIH größer, MIH wird besser diagnostiziert“, erklärt sie. Je nach Studie vermutet man, dass zwischen 3,6 Prozent bis zu einem Viertel der Kinder eine MIH vorweisen.

Man unterscheidet drei Schweregrade der MIH:

MIH – Grad 1 (links): die Molaren weisen einzelne weiß-cremige, abgegrenzte Opazitäten im Bereich der Kauflächen und/oder der Höcker des oberen Kronendrittels ohne Substanzverlust auf.

MIH – Grad 2 (Mitte): Die Opazitäten erfassen fast alle Höcker und das obere Kronendrittel bei geringem Substanzverlust.

MIH – Grad 3 (rechts): großflächige, gelb-braune Verfärbungen mit Defekten der Kronenmorphologie aufgrund ausgeprägter Schmelzverluste

Fotos: © Katrin Bekes

Alle Schweregrade können mit oder ohne Beteiligung der Schneidezähne auftreten. Wenn Schneidezähne betroffen sind, so sind es eher die oberen.

„Je dunkler die Farbe, desto poröser ist der Zahnschmelz und umso höher ist die Gefahr des posteruptiven Substanzverlusts mit Dentinexposition, der sich meist an den Zahnhöckern manifestiert“, informiert Bekes. „Hypomineralisierte Zähne sind nicht nur optisch verändert. Sie sind weicher und poröser, und deshalb mechanisch nicht belastbar. Der Schmelz kann beim Kauen abplatzen.“

Leichte Formen von MIH werden oft als Nebenbefund im Rahmen einer Routineuntersuchung festgestellt. Bei schweren Formen suchen häufig auch die Betroffenen selbst aufgrund der Verfärbungen und oft auch aufgrund hoher Schmerzempfindlichkeit die Zahnarztpraxis auf.

Die hohe Schmerzempfindlichkeit stellt eine Herausforderung in der Behandlung, aber auch in der Prophylaxe dar: „Die Kinder leiden unter chronischen Entzündungen und Schmerzen bei der Zahnpflege, sie haben oft extreme Angstzustände“, informiert Bekes. Von MIH betroffene Zähne seien oft schwer anästhesierbar. In solchen Fällen empfiehlt Bekes sowohl bei Zahnbehandlungen als auch vor Prophylaxesitzungen sehr schmerzempfindlichen Kindern schon einen Tag vorher Schmerzmittel zu verabreichen. „Bei schwerer MIH ist es oft schon eine Herausforderung, die Kinder dazu zu bringen, den Mund aufzumachen, um den Zustand der Zähne einschätzen zu können“, sagt Bekes. Sie empfiehlt, bei solchen Patientinnen und Patienten bei der ersten Bestandsaufnahme mit Watterollen statt Puster zu arbeiten.

Kinder mit MIH sollten einmal im Quartal zur Kontrolle und zweimal im Jahr zur Intensiv-Prophylaxe-Sitzung kommen, bei der regelmäßige Zahnreinigung, Mundhygieneanleitungen und die Applikation eines Fluoridlacks am Programm stehen. Für zu Hause gilt wie bei gesunden Zähnen: zweimal täglich mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta gründlich Zähneputzen (z.B. elmex®Junior bis 12 Jahre bzw. danach elmex® Kariesschutz professional), einmal pro Woche zusätzlich ein fluoridhaltiges Gel zur Intensivfluoridierung anwenden. Das Auftragen eines CPP-ACP-haltigen Gels (optimalerweise 20 Minuten lang mit Schiene) kann helfen, die Hypersensibilität zu vermindern.

Bei schweren Formen der MIH ist eine Restauration notwendig – die Maßnahmen sind abhängig vom Alter, der Ausdehnung und der Härte der Zahnsubstanz, dem Schweregrad, der Empfindlichkeit und der Lokalisation der betroffenen Zähne.

 

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Prophylaxe-Assistentin Cornelia Bernhardt

Univ.-Prof. Dr. Katrin Bekes, MME, Leiterin des Fachbereichs Kinderzahnheilkunde der Universitätszahnklinik Wien: „Bei schwerer MIH ist es oft schon eine Herausforderung, die Kinder dazu zu bringen, den Mund aufzumachen.“

(Foto: © MedUni Wien/F. Matern)

``Noch viel Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung nötig``

Lesen Sie dazu auch das Interview mit PAss Cornelia Bernhardt

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