Themen

Wissenswertes für Prophylaxe-AssistentInnen erwartet Sie im Bereich Prophy-Themen.
Filtern Sie nach der gewünschten Kategorie, geben Sie Ihren individuellen Suchbegriff
ein und finden Sie so alle Artikel zum gewünschten Thema.

Diesen Artikel drucken

Ausgeraucht und abgedämpft

22. Oktober 2018

Auswirkungen von Rauchen auf die Mundgesundheit

Österreich ist ein raucherfreundliches Land: Hier kann, im Gegensatz zu vielen anderen EU-Ländern, noch in vielen Lokalen geraucht werden, in Restaurants gibt es zumeist eine Raucherzone, und im internationalen Vergleich sind Zigaretten in Österreich relativ günstig (4). Das wirkt sich auf die Statistik aus: Rund ein Drittel der Österreicher raucht. Grund genug, diese schlechte Angewohnheit etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und zu sehen, inwieweit sich das Rauchen auch auf die Zahn- und Mundgesundheit auswirkt.

Erhebungen aus dem Jahr 2015 ergeben einen Anteil an täglich rauchenden Österreichern von 24,3% – damit liegt Österreich über dem OECD-Durchschnitt (18,4%). Jugendliche beginnen immer Früher mit dem Tabakkonsum: Teilweise probieren sie die erste Zigarette schon mit zehn oder elf Jahren (1). Oft sind es die den Zigaretten beigesetzten Zusatzstoffe, die den Suchteinstieg erleichtern: Menthol und andere Aromen, aber auch Zucker oder Kakao.  Sie sollen den starken Tabakgeschmack überdecken und das Geschmackserlebnis aufwerten.

Nikotin und krebserregende Stoffe

Dass Zigaretten so schnell süchtig machen, liegt nicht nur am Nervengift Nikotin, das beruhigend bei Aufregung und anregend bei Müdigkeit wirkt. Der beim Zigarettenrauchen entstehende Tabakrauch ist ein komplexes Gemisch aus über 4.800 Substanzen, die vorwiegend erst beim Verbrennungsprozess entstehen. Rund 90 davon wurden als kanzerogen (krebserregend) identifiziert oder stehen im Verdacht, so zu wirken. Die meisten davon werden erst durch die vorhergehende Verbrennung oder durch körpereigene Enzyme im Körper aktiviert, und nur wenige Kanzerogene, wie etwa Ethylenoxid, Formaldehyd und Acetaldehyd können ohne vorherige Aktivierung mit dem Erbgut der Zellen (DNA) interagieren.

Weitreichend bekannt ist, dass Rauchen ungesund ist und zahlreiche Erkrankungen hervorrufen oder ihren Verlauf negativ beeinflussen kann (Abb. 1). So ist es für über 90% der Lungenkrebs-Erkrankungen verantwortlich. Es ist die Ursache für Krebs in der Mundhöhle, der Luftröhre, Kehlkopfkrebs, Speiseröhren- und Magenkrebs und weiteren Krebserkrankungen. Weiters kann es zu chronischen Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ 2 Diabetes führen.

Alle diese Erkrankungen haben ihre Ursache in der kanzerogenenWirkung einiger Stoffe, die im Zigarettenrauch enthalten sind. Kanzerogene können Mutationen im Erbgut verursachen, und wenn die Zellen mit dem entarteten Erbgut nicht als „Notlösung“ den Zelltod sterben (Apoptose), kann es dazu kommen, dass sie sich unkontrolliert vermehren und Krebszellen entstehen. Darüber hinaus schalten einige Inhaltsstoffe im Zigarettenrauch entweder Tumorsupressorgene aus (die Zellvermehrung wird nicht mehr kontrolliert gebremst) oder aber aktivieren Gene, die die Entstehung von Krebs begünstigen (Onkogene).

Veränderungen der Mundschleimhaut

Raucher haben nicht nur häufiger eine pigmentierte Zunge und Verfärbungen der Zähne, sondern leiden auch verstärkt unter Läsionen der Mundschleimhaut. Die Ursache: Rauchen erhöht die Menge krebserzeugender Substanzen im Speichel, wie Formaldehyd, Acetaldehyd und Acrolein. Raucher, die weniger als 20 Zigaretten pro Tag rauchen, haben ein 2- bis 4-fach erhöhtes Risiko für Läsionen der Mundschleimhaut, Raucher, die mehr als 20 Zigaretten pro Tag rauchen, ein mindestens 6-fach erhöhtes Risiko. Bei den Schleimhautveränderungen sind insbesondere die Leukoplakie (weißer, nicht abwischbarer Fleck der Schleimhaut) sowie die Erythroplakie (leuchtend dunkelroter Fleck der Schleimhaut) zu erwähnen. Es kann sogar Veränderungen an den Lippen (labiale Leukoplakie und aktinische Cheilitis) geben. Bei Rauchern entstehen Tumore bevorzugt am Mundbogen und der hinteren Zunge – in jenen Bereichen der Schleimhaut, in denen sich wenig von dem Faserprotein Keratin befindet, das im Zahnfleisch reichlicher vorhanden ist und einen gewissen Schutz vor Krebs bieten kann.

Mundschleimhautveränderungen werden häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Das kann damit zusammenhängen, dass starke Raucher seltener zum Zahnarzt gehen. Auch Alkoholkonsum erhöht dosisabhängig das Risiko für Krebs im Mundraum, und das schon bei vermeintlich geringen Dosen: Personen, die mehr als 50g Alkohol täglich trinken (das entspricht 2,5 Bier zu jeweils 0,5l mit einem Alkoholgehalt von 5%), haben ein 5-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko, bei gleichzeitigem Konsum von Tabak und Alkohol verstärken die beiden Produkte ihre krebsfördernde Wirkung – das Risiko für Mundhöhlenkrebs kann sich bis um das 13-fache erhöhen. Der Synergieeffekt könnte daran liegen, dass sowohl Alkohol- als auch Tabakkonsum die Bildung von krebserregendem Acetaldehyd durch Bakterien aus Alkohol im Speichel fördern. Es kommt auch auf die Sorte Alkohol an – Hochprozentiges birgt ein größeres Risiko als etwa Bier und Wein.

Karzinome des Mundbodens und der Zunge betreffen besonders männliche Raucher unter 60 Jahren, die auch Alkohol konsumieren. Einen gewissen Schutz vor Mundhöhlenkrebs bieten möglicherweise Riboflavin, ein B-Vitamin, sowie Eisen und Magnesium, wenn sie vermehrt über die Nahrung aufgenommen werden. Das Rauchen aufzugeben lohnt sich auf alle Fälle: Zehn Jahre nach einem Rauchstopp entspricht das Erkrankungsrisiko von Ex-Rauchern für epitheliale Dysplasien jenem von Nichtrauchern.  Auch das Risiko für Leukoplakien sinkt bei starken Rauchern (mehr als 15 Zigaretten pro Tag) nach einem Rauchstopp. Das Risiko für Mundhöhlenkrebs sinkt nach einem Rauchstopp allmählich ab, erreicht aber nicht mehr das Niveau von Nichtrauchern. So haben Ex-Raucher, die früher mehr als 20 Zigaretten am Tag konsumiert haben, auch noch 20 Jahre nach dem Rauchstopp ein etwa dreimal so hohes Erkrankungsrisiko wie Nichtraucher.

Schwere Parodontalerkrankungen

Das Risiko von Rauchern, an einer Parodontitis zu erkranken, kann je nach Dosis bis zu fünfzehnmal höher sein als bei Nichtrauchern. Es steigt, je länger jemand raucht, je mehr er raucht und wenn gleichzeitig auch Alkohol konsumiert wird.

Die zahllosen Schadstoffe im Zigarettenrauch richten gleich zweimal Schaden an: Einmal akut beim Rauchvorgang selbst, während dessen besonders hohe Schadstoffkonzentrationen in die Mundhöhle gelangen, und ein zweites Mal durch chronisch erhöhte Schadstofflevel im Blut, Speichel und im parodontalen Gewebe. Auch im Parodont wirkt Tabakrauch doppelt: Zum einen verändert er die Mikroumgebung der Bakterien in den Zahnfleischtaschen und kann so das Wachstum bestimmter Bakterienarten fördern. Zum anderen beeinflusst er die Immunantwort. Infolge wandern bestimmte Immunzellen, die neutrophilen Granulozyten, in die Zahnfleischtasche, um die Plaquebakterien zu bekämpfen. Die proteolytischen Enzyme und Entzündungsmediatoren, die sie dabei freisetzen, töten zwar die Bakterien, können aber auch das Parodont schädigen. Durch Tabakrauch kommt es zu einer Verschiebung in Richtung zerstörerische Prozesse. In einer zweiten Verteidigungslinie eilen Monozyten zu Hilfe, welche Zytokine freisetzen, von denen einige die Reparatur von Schäden in Gang setzen, andere aber die Zerstörung des Parodont vorantreiben.

Der Einfluss des Rauchens auf die mikrobielle Zusammensetzung des Zahnfleischs ist noch nicht vollständig geklärt. Teilweise wurden in Studien mehr Parodontitis-assoziierte Bakterien im Biofilm von Rauchern gefunden. Eine Studie fand in flachen Zahnfleischtaschen (≤ 5mm) bei Rauchern mehr Bakterien als in tiefen Taschen bei Nichtrauchern. Demnach bieten flache Taschen bei Rauchern einen idealen Lebensraum für Parodontitis-Bakterien. Der Einfluss des Rauchens auf die Blutungsneigung bei Sondierung ist unklar, es scheint jedoch, dass je stärker geraucht wird, die Blutungsneigung bei Sondierung umso geringer ist, da Rauchen zu einer verminderten Durchblutung des Zahnfleischs führt. Raucher haben dosisabhängig häufiger mehr Plaque und mehr Zahnstein als Nichtraucher. Das Risiko für Zahnstein ist erstaunlich: gegenüber Nichtrauchern haben Raucher in Abhängigkeit der täglich gerauchten Zigaretten ein 15- bis 20-faches Risiko für Zahnstein! Rauchen fördert den Attachmentverlust und fördert auch dosisabhängig den Knochenabbau, daher haben Raucher auch ein höheres Risiko für Zahnverlust. Dies gilt nicht nur für die eigenen Zähne – auch bei Implantaten ist das Verlustrisiko größer, die Wundheilung ist schlechter und der Knochenabbau stärker. Auch hier verbessert ein Rauchstopp den Behandlungserfolg.

Hohes Risiko für Parodontitis

Studien weisen für Raucher dosisabhängig ein zwei- bis fünfzehnmal so hohes Risiko für Parodontitis wie Nichtraucher nach und haben einen schlechteren Therapieerfolg in der Parodontitis-Therapie. Ein Rauchstopp hingegeben verbessert die parodontale Gesundheit: Danach geht das Parodontitis-Risiko allmählich zurück und erreicht nach etwa elf Jahren das Niveau von Nie-Rauchern.

Raucher haben öfter Karies

Elf Studien fanden einen Zusammenhang zwischen Rauchen erhöhtem Risiko für Karies. Dabei scheint das Kariesrisiko umso höher zu sein, je mehr geraucht wird. Kinder haben mehr Karies oder zerstörte Zähne, wenn die Mutter während der Schwangerschaft raucht oder wenn die Eltern rauchen. Dies liegt am Tabakrauch selbst oder an möglichen anderen dem Rauchen zugrundeliegenden Faktoren, wie niedrigerem sozialer Status, geringerem Bewusstsein für Mundgesundheit, reduzierter Mundhygiene, verringerter Speichelflussrate, veränderter Zusammensetzung des Speichels oder exponierter Wurzeloberflächen durch Rauchen.

Was bringt ein Rauchstopp?

Ein Rauchstopp verbessert die parodontale Gesundheit: Bei Ex-Rauchern sinken die proteolytische Aktivität des Speichels und die Konzentration der Metalloproteinase-8 ab. Diese beiden Faktoren sind bei destruktiven Parodontalerkrankungen in der Regel erhöht. Die Schäden am Parodont gehen nach einem Rauchstopp allmählich zurück. Ex-Raucher haben seltener tiefe Taschen als Raucher, und bezüglich Attachmentverlust, Anzahl der fehlenden Zähne und Tiefe der Zahnfleischtaschen liegen sie zwischen Rauchern und Nie-Rauchern. Die Knochen bauen langsamer ab, somit sinkt das Risiko für Zahnverlust, welches aber selbst nach zehn Jahren Zigaretten-Abstinenz noch immer erhöht ist. Nach ein bis zwei Jahren Abstinenz haben Ex-Raucher noch ein etwa dreimal so hohes Risiko, an Parodontitis zu erkranken, nach mehr als elf Jahren entspricht es fast dem von Nie-Rauchern. Die gute Nachricht zum Schluss: Parodontalbehandlungen laufen bei Ex-Rauchern mit dem gleichen Erfolg ab wie bei Nichtrauchern. (3)

sabine_ubani_web

Von Mag. Sabine Ubani
Dental Science Liaison Manager
CP GABA GmbH, Zweigniederlassung Österreich

© privat

Ein Rauchstopp verbessert die parodontale Gesundheit © Fotolia, kwangmoo

Elf Studien fanden einen Zusammenhang zwischen Rauchen erhöhtem Risiko für Karies. © Fotolia, alonesdj

rauchfrei.at – kostenfreie Hotline 0800 810 013 – Montag bis Freitag 10:00 – 18:00

Schlagwörter: , , , , ,