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Frauen sind anders, Männer auch

10. Mai 2013

Genderprophylaxe – geschlechterspezifische Unterschiede parodontologischer Probleme

Gendermedizin ist ein großes Thema unserer Zeit. Nach internistischen und onkologischen Indikationen hält dieses Thema nun auch vermehrt Einzug in die Betrachtung zahnmedizinischer Probleme – insbesondere in den Prophylaxebereich.

Mit der Frage, worin sich Frauen und Männer hinsichtlich Gesundheit und Krankheit unterscheiden, setzt sich auch die Zahnmedizin zunehmend auseinander. Gendermedizin ist in vielen Fachrichtungen längst ein Thema. Es gibt Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hinsichtlich der Risikofaktoren, Symptome, Diagnostik und Therapie. Forscher haben auch festgestellt, dass Arzneiwirkstoffe je nach Geschlecht unterschiedlich wirken. Und auch die Zahnmedizin hat die Notwendigkeit einer Differenzierung zwischen Patienten und Patientinnen erkannt.

Und nein, zwischen den beiden Geschlechtern gibt es kein „schlechter“ oder „besser“. Aber sie sind hinsichtlich bestimmter Merkmalsausprägungen oftmals anders gewichtet. Die Forscher entdeckten einige geschlechterspezifische Unterschiede bei Karies, Parodontitis und Krebserkrankungen der Mundhöhle. Dies bedeutet, dass die oft vertretene Meinung, dass Frauen mehr auf ihre Zahngesundheit achten, weil ihnen „schöne Zähne“ wichtiger sind, und sie deshalb auch gesündere Zähne haben müssten, nicht länger haltbar ist.

Für das Team der gesamten Zahnarztpraxis bedeutet dies „Augen auf“ und ein wenig Umdenken bei der Kommunikation mit dem unterschiedlichen Geschlecht der Menschen!

Geschlechterspezifische Unterschiede

Bereits 2006 brachte die 4. Deutsche Mundgesundheitsstudie markante Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern ans Tageslicht. Beim vermeintlich „starken Geschlecht“ ist z. B. der Plaqueindex wesentlich höher als bei Frauen und somit besteht ein höheres Risiko an Zahnhalsdefekten sowie an Parodonitis zu erkranken. Hierzu kommt, dass Männer zwischen 20 und 60 Jahren bei weitem seltener den Zahnarzt konsultieren als Frauen.

Keine oralepidemiologische Studie der Vergangenheit konnte bei 12-jährigen einen Unterschied hinsichtlich der Kariesverteilung feststellen. Andererseits zeigt sich jedoch eine höhere Kariesprävalenz bei Mädchen (ab 15 Jahren) und Frauen aller Altersklassen im Vergleich zum männlichen Geschlecht der gleichen Altersgruppe. Und dies trotz niedrigerem Plaqueindex, regelmäßiger Zahnarztkontrollen, besserer Versorgung und regelmäßiger professioneller Mundhygiene. Dafür verantwortlich sind vor allem hormonelle Schwankungen in der Pubertät, Menstruation, Schwangerschaft und Menopause und weitere, die Mundgesundheit schädigende „typisch weibliche“ Allgemeinerkrankungen wie Depression (niedrigere Speichelproduktion durch Medikation), Essstörungen (Säureangriffe) oder Eisenmangelanämie (Schwächung des Immunsystems).

Anders verhält sich die Verteilung übrigens beim Thema Wurzelhalskaries, bei dem eindeutig die Männer an der Spitze liegen. Das weibliche Geschlecht liegt dafür wiederum beim Zahnverlust bei Senioren, wo eindeutig Frauen eine höhere Zahl an fehlenden Zähnen aufweisen.

Die Rolle von Östrogen und Testosteron

Das gesundheitliche Wohlbefinden wird generell stark von den Geschlechtshormonen bestimmt. Die Veränderung des Hormons Östrogen hat unter anderem auch Auswirkung auf die Mundgesundheit und vermutlich spielen hormonelle Einflüsse auch auf die kariesprotektive Wirkung des Speichels eine wichtige Rolle.

Osteoporose wird vor allem nach der Menopause zu einem wichtigen Thema. Bei dieser Erkrankung nimmt leider auch der Kieferknochen Schaden. Ein Zusammenhang zwischen der Hormonersatztherapie und Markern für den Knochenstoffwechsel ist nicht ausgeschlossen. Patientinnen, welche eine Hormontherapie erhielten, hatten einen vergleichsweise geringeren Zahnverlust als die Vergleichsgruppe ohne Hormonersatztherapie. Da die Hormonersatztherapie ihr positives Image in der Vergangenheit allerdings einigermaßen eingebüßt hat und sich immer weniger Frauen hormonell in den Wechseljahren begleiten lassen, sollte man darauf achten, dass Frauen nach der Menopause eine besondere Prophylaxe benötigen. Die hormonelle Umstellung begünstigt nämlich die Entstehung entzündlicher Parodontalerkrankungen und kann so auch eine bestehende Gingivitis verstärken.

Immunabwehr als entscheidender Faktor

Beim Mann tritt die Parodontalerkrankung altersunabhängig auf und er hat – im Vergleich zu Frauen – ein deutlich höheres Risiko an schwerer Parodontitis zu erkranken. Eine Forschergruppe um Prof. Mark Reynolds stellte fest, dass männlichen Sexualhormone einerseits für das Immunsystem und seine Regulierung von Entzündungen von Bedeutung sind andererseits aber auch genetische Faktoren, die ihrerseits Einfluss auf die Hormone haben.

Fazit: Offenbar stehen der Verlauf und das Ausheilungsgeschehen der Parodontitis mit der angeborenen bzw. hormonell gesteuerten Immunreaktion in engem Zusammenhang. Und diese unterscheidet sich bei Frauen und Männern aufgrund der unterschiedlichen Konzentration der verschiedenen Sexualhormone sehr deutlich. Entsprechende Untersuchungen zeigen, dass Frauen z. B. essenziell mehr Immunglobuline und eine höherer Immunabwehr gegenüber Keimen aller Art haben als Männer.

Männerrisiko Mundschleimhaut

Männer haben auch ein höheres Risiko an malignen Tumoren im Mund-Rachenraum zu erkranken. Offenbar spielt der Lebensstil (Alkohol, Tabak) eine nicht unmaßgebliche Rolle. Auch orale Leukoplakien treten bei Männern zwischen 35 und 44 Jahren doppelt so häufig auf als beim weiblichen Geschlecht. Frauen sind wiederum öfter von Speicheldrüsentumoren betroffen. Schleimhautveränderungen, die durch Autoimmunerkrankungen ausgelöst werden, wie der Liechen planus, treten bei Frauen doppelt so oft auf als bei Männern. Der Lupus erythematodes (systemische Autoimmunerkrankung) sogar neun mal häufiger.

Mittlerweile dürfte bewiesen sein, dass Gender-Aspekte bei zahlreichen Krankheitsbildern der Zahnmedizin eine bedeutende Rolle spielen. Patienten und Patientinnen sollten daher je nach Geschlecht, Alter und Lebensumstände individuell betreut werden und den Hormonen – sowohl den männlichen als auch den weiblichen – im Prophylaxealltag mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

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